Ich sehe dich. Du sitzt mir gegenüber in der S-Bahn. Ich betrachte dich. Deine Kleidung, deine Schuhe, deine Hände, deine Haare, dein Gesicht. Ich frage mich, was du für ein Mensch bist, sein könntest. Ich stelle mir vor, wohin du gerade unterwegs bist, was dir gerade durch den Kopf geht und wie es bei dir zu Haus aussieht. Wie deine Eltern aussehen, wie sie dich erzogen haben, ob du Geschwister hast. Was deine Lieblingsfarbe ist, ob du verliebt bist - glücklich oder unglücklich.

Ich würde mich gern zu dir setzen und dich fragen, wie es dir geht, und dir dann zuhören, wenn du mir etwas aus deinem, dem Leben erzählst. Dabei würde ich lächeln, vielleicht deine Hand drücken und für ein paar Minuten eine gute Freundin sein, vielleicht, weil ich mir das selbst so oft gewünscht habe.

Ich sehe in dein Gesicht. Da treffen sich unsere Blicke und beide schauen wir schnell weg. Ich weiß, dass es dich beunruhigen wird, wenn ich du mich noch einmal dabei ertappst, wie ich dich angucke, deswegen tue ich es nur aus den Augenwinkeln heraus, wenn überhaupt. Und ich weiß, dass all das, was mir gerade durch den Kopf geht, dir ganz bestimmt nicht durch den Kopf geht, und dass du es auch nicht wollen würdest. Und deswegen bleibt jeder von uns beiden allein sitzen und ich muckse nicht, als du im Anhalter Bahnhof an mir vorbeigehst und die Bahn verlässt.



Manchmal finde ich den Mut, zu lächeln. Weil manchmal lächelt jemand wie du zurück. Und dann ist das einer dieser Momente, die mir ein Leben lebenswert machen können.